Kalifornien vor Gericht: Können soziale Medien Teenager süchtig machen?

Kalifornien vor Gericht: Können soziale Medien Teenager süchtig machen?

Der Fall vor Gericht

Eröffnet wurden die Plädoyers diese Woche in einem Musterprozess aus einer Flut von Klagen gegen soziale Medien, Videospiele und Künstliche Intelligenz. Klägerin ist eine junge Frau, die behauptet, sie sei schon als Kind süchtig nach sozialen Plattformen geworden und leide nun an Angststörungen, Depressionen und Körperbildstörungen. Experten wie Eric Goldman von der Santa Clara University School of Law sagen, die Jury müsse klären, ob es überhaupt eine ‚Social‑Media‑Sucht‘ gibt und ob Dienste rechtlich für solche Schäden haften können.

Warum das Urteil so brisant ist

Das Verfahren könnte Präzedenzwirkung haben: Hält ein Gericht Plattformbetreiber für verantwortlich, wäre das rechtlich und wirtschaftlich folgenreich. Im Kern steht eine klassische Streitfrage zwischen Korrelation und Kausalität — waren die Plattformen die Ursache der Probleme oder nur ein begleitendes Phänomen? Eric Goldman erwartet deshalb eine ‚Schlacht der Gutachten‘, in der Wissenschaftler gegensätzliche Interpretationen der Daten liefern.

Der wissenschaftliche Hintergrund

In der Forschung besteht kein Konsens, ob das Wort ‚Sucht‘ für exzessive Nutzung sozialer Medien angemessen ist. Ein zentraler Punkt ist, dass Social‑Media‑Sucht bislang nicht in den standardisierten psychiatrischen Diagnosehandbüchern verankert ist; klassische Suchtdiagnosen setzen Kriterien wie zwanghafte Nutzung, Entzugserscheinungen und Nutzung trotz Schaden voraus. Forscher wie Brian Primack (Oregon State) und Dar Meshi (Michigan State) betonen die Debatte: Manche lehnen den Begriff strikt ab, andere halten ihn für sinnvoll; Meshi warnt, es sei noch zu früh für ein endgültiges Urteil.

Was Studien und Gremien sagen

Ein Gremium der US National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine kam 2024 zu dem Schluss, dass die Forschung nicht belegt, dass soziale Medien die Gesundheit von Jugendlichen auf Bevölkerungsebene schädigen — wohl aber gebe es Potenzial für individuellen Schaden. Tamar Mendelson von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health weist darauf hin, dass übermäßiger Gebrauch für manche Jugendliche bereits nachweislich schädlich sein kann. Damit bleibt die wissenschaftliche Lage ambivalent: Hinweise auf Risiko existieren, klare, generalisierbare Belege fehlen bislang.

Messprobleme und mögliche Folgen

Viele Studien messen nur die Gesamtzeit auf Plattformen, wodurch unterschiedliche Aktivitäten — etwa Kommunikation mit Freunden oder das ständige Scrollen durch idealisierte Bilder — nicht getrennt werden. Solche Messprobleme erschweren die Beurteilung, welche Formen der Nutzung tatsächlich schaden. Sollte ein Gericht Plattformen Verantwortung zuschreiben, könnten das neue Regulierungs‑ und Designanforderungen nach sich ziehen; gleichzeitig wird der Rechtsstreit Erkenntnisse zutage fördern, die Politik und Forschung beeinflussen könnten.

Wie siehst du die Zukunft von Social Media und Jugendgesundheit?

Quelle: https://www.nature.com/articles/d41586-026-00433-y

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