Warum wir langsame Denker für schlauer halten — und sogar ChatGPT stimmt zu

Warum wir langsame Denker für schlauer halten — und sogar ChatGPT stimmt zu

Einleitung: Zwei Arten zu denken – und ein überraschender Vorzug

Jeder kennt das: die plötzliche Eingebung („Bauchgefühl“) versus das gründliche Abwägen. Kognitionsforschung unterscheidet diese Modi als System 1 (schnell, intuitiv) und System 2 (langsam, deliberativ). Eine neue Serie von 13 Experimenten, publiziert in Communications Psychology von Wim De Neys und Matthieu Raoelison, untersucht nicht nur, welches Denken besser funktioniert, sondern wie wir andere beurteilen, die so denken. Kurzfassung: Die meisten Menschen – und sogar ChatGPT – halten denjenigen für intelligenter und vertrauenswürdiger, der sich Zeit nimmt.

Wie die Studien aufgebaut waren (grob)

Die Forschenden führten 13 Studien mit unterschiedlichen Methoden durch. In Phase 1 (Studien 1–7) lasen Teilnehmer kurze Vignetten: Eine Person löst ein komplexes Problem entweder schnell („geht mit dem Bauchgefühl“) oder langsam („denkt gründlich nach“). Manche Vignetten nannten frühere Genauigkeitswerte (z. B. 95 %), andere nicht. Teilnehmer bewerteten Intelligenz und Vertrauenswürdigkeit; Stichproben lagen meist zwischen ~180–240 Personen. Ergänzend gab es Tests in Frankreich und Indien, um kulturelle Effekte zu prüfen.

Kernbefund: Deliberation schlägt Intuition – auch bei gleichen Erfolgsraten

Das Muster war konsistent: Deliberative Denker wurden als schlauer und zuverlässiger beurteilt – selbst wenn die Studie explizit angab, dass intuitive und deliberative Denker gleichermaßen genau waren (z. B. beide 95 %). Ohne Angaben zur Genauigkeit war die Präferenz für langsames Denken sogar stärker. In einer incentivierten Wettaufgabe setzten Teilnehmer häufiger Geld auf den langsamen Denker – ein echtes Konsequenz-Maß für Vertrauen.

KI spiegelt uns wider: ChatGPT zeigt denselben Bias

In zwei Studien (8–9) fragten die Autor:innen ChatGPT 3.5 und 4 dieselben Vignetten ab (je 240 Abfragen). Ergebnis: Die Sprachmodelle bewerteten die langsamen Denker praktisch genauso wie Menschen. Das legt nahe, dass LLMs diese gesellschaftliche Präferenz in ihren Trainingsdaten «aufschnappen» und reproduzieren.

Ist die Präferenz reflektiert oder intuitiv? (Zeitdruck- und Belastungstests)

Die Forschenden wollten wissen, ob Menschen bewusst ‹Deliberation ist besser› denken oder ob diese Vorliebe selbst intuitiv ist. In Studien 10–13 mussten Teilnehmende schnell antworten oder hatten eine zusätzliche Gedächtnisaufgabe (kognitive Last). Selbst unter Zeitdruck und mentaler Belastung blieb die Präferenz für langsames Denken bestehen. Fazit: Die Überzeugung, dass effortvolles Denken qualitativ hochwertiger ist, scheint selbst ein automatischer, schneller Urteilsmechanismus zu sein.

Warum das wichtig ist — und welche Grenzen die Studie hat

Wichtiges Ergebnis: Menschen bewerten das Erscheinungsbild des Denkens – Aufwand = Qualität. Das kann nützlich sein (wir vertrauen eher transparenten, nachvollziehbaren Prozessen), birgt aber auch Risiken: echte, erfahrene Experten lösen manche Probleme intuitiv; diese Fähigkeit könnte gesellschaftlich unterbewertet werden. Einschränkungen der Studie: Die Szenarien waren hypothetische, fokussierten auf objektive, komplexe Probleme (nicht etwa romantische oder ästhetische Entscheidungen), und reale, wiederholte Interaktionen könnten Präferenzen verändern. Außerdem messen die Autor:innen Bewertungen von Denkstilen, nicht die tatsächliche Leistungsüberlegenheit von Intuition vs. Deliberation.

Konkrete Konsequenzen — für Experten, Arbeitgeber und KI-Design

Mehrere praktische Folgerungen: 1) Fachleute (Ärzte, Analysten) sollten kommunizieren, dass sie sorgfältig abwägen — das erhöht Vertrauen. 2) Teams sollten sich bewusst sein, nicht automatisiert Intuition abzuwerten; in einigen Fällen ist schnelle, erfahrungsbasierte Urteilsfähigkeit optimal. 3) Entwickler von KI sollten bedenken, wie sie Modelle präsentieren: Kurze, überlegene Antworten könnten weniger Vertrauen erzeugen als detaillierte, nachvollziehbare Erklärungen ('chain-of-thought'), selbst wenn die Kurzantwort korrekt ist. In Bereichen wie Medizin oder Finanzen könnte die Darstellungsweise der KI also die Akzeptanz stark beeinflussen.

Ausblick: Fragen für die nächste Forschungsrunde

Offene Fragen: Spielt die Präferenz in realen beruflichen Kontexten genau so? Verändert sich das Urteil, wenn man einen Menschen mehrfach als erfolgreichen Intuitionsnutzer erlebt? Glauben Menschen, Denkstile seien fest verankerte Persönlichkeitsmerkmale oder flexible Strategien? Und wie lässt sich der Bias in Trainingstexten von KI reduzieren, damit Modelle nicht blind eine kulturbedingte Heuristik reproduzieren?

Fazit — ein überraschend starker kultureller Glauben

Zusammengefasst zeigt die Studie ein robustes, kulturübergreifendes Urteil: Mühsames, langsames Denken wird intuitiv als ein Zeichen von Intelligenz und Vertrauenswürdigkeit gewertet — und das trifft nicht nur auf Menschen, sondern auch auf heutige Sprachmodelle zu. Das ist nützliches Wissen: Es erklärt, warum rationale, erklärende Kommunikation oft mehr überzeugt als schnelle Einsilbigkeiten — aber es mahnt zugleich, nicht erfahrene Intuition zu unterschätzen.

Was denkst du? Hast du eher Vertrauen in jemanden, der schnell zur Antwort kommt, oder in jemanden, der sich Zeit nimmt? Schreib deine Erfahrungen in die Kommentare — und wenn dir dieser Beitrag gefallen hat, abonniere unseren Newsletter für mehr populärwissenschaftliche Einblicke in Psychologie und KI.

Quelle: https://www.psypost.org/humans-and-ai-both-rate-deliberate-thinkers-as-smarter-than-intuitive-ones/

Read more

Wenn Romantik von Maschinen gespielt wird: Wie LLMs die menschliche Seite von Romance-Scams automaisieren

Wenn Romantik von Maschinen gespielt wird: Wie LLMs die menschliche Seite von Romance-Scams automaisieren

Warum Romance-Scams so erfolgreich sind Romance-Baiting-Scams bauen über Tage oder Wochen emotionale Bindung auf. Täter investieren Zeit in freundliche, unterstützende Nachrichten, teilen Alltagsgeschichten und spielen Rollen – alles, um Vertrauen aufzubauen. Wenn dieses Vertrauen da ist, wirken finanzielle oder technische Bitten plötzlich plausibel. Die Arbeit hinter den Kulissen ist jedoch weniger

By Admin FoxifAI
AI, Hacks und Milliarden-Deals: Die Tech-Highlights, die Sie jetzt kennen müssen

AI, Hacks und Milliarden-Deals: Die Tech-Highlights, die Sie jetzt kennen müssen

Kurz und bündig: Warum diese Woche wichtig ist In wenigen Tagen hat die Tech‑Welt mehrere Schockwellen erlebt: ein großflächiger Hack, ein milliardenschweres Chip‑Abkommen, neue Personalstrategien bei OpenAI, sowie Verschärfungen von Regeln für KI‑Interaktion und Social‑Media‑Warnhinweise. Das ist die Mischung aus Sicherheitslücken, Machtverschiebungen in der Halbleiterbranche,

By Admin FoxifAI